"Ohne Pathos, ohne
Protz, ohne Pomp!"
Interview mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD)
Ein Berliner, der aus Bonn wieder zurück nach
Berlin zieht: Für Wolfgang Thierse, den neugewählten Bundestagspräsidenten, ist der
Umzug des Bundestags eine Rückkehr in die Heimat. Für Bonn Voyage sprach Florian Neuhann
mit dem Berlin-Kenner, während Autogramm-Jäger Thierse umlagerten.
Gerade haben Sie sich unsere Internet-Seiten vorführen lassen. Surfen
Sie gerne im WWW?
"Ach, ja. Dazu habe ich gar keine Zeit mehr aufgrund des ganzen Umzugstheaters!
Eine Lieblings-Internetseite habe ich so auch gar nicht."
Umzugstheater haben Sie das Umziehen langsam leid?
"Der Umzug beginnt doch für mich erst jetzt richtig, von daher auf
keinen Fall. Ich fahre morgen nach Berlin, komme dann noch mal in mein Bonner Büro
zurück, um zu packen. Wir ziehen erst am 12. Juli um."
Ziehen Sie denn gerne um?
"Daß ich gerne mit dem Bundestag nach Berlin ziehe, daraus habe ich
nie einen Hehl gemacht! Ich war ja immer ein Vorkämpfer für den Umzug. Aber das hat man
mir in Bonn nie übelgenommen."
Was war Ihr persönlich schönstes Bonn-Erlebnis?
"Ich habe viele sehr schöne Erlebnisse gehabt. Eine witzige Anekdote
passierte direkt nach dem Beschluß des Bundestages für den Umzug nach Berlin am Bonner
Bahnhof, als ich dort auf einen Zug wartete. Eine ältere Frau ging mehrmals um mich
herum, beschaute mich und faßte sich dann ein Herz "Sie sind doch der Herr
Thierse. Na, Sie haben aber einen Mut, sich jetzt hier in Bonn so hinzustellen." Nun,
den Mut hatte ich. Und wie gesagt, die Bonner haben mich immer sehr freundlich
behandelt."
Was packen Sie als erstes ein? Packen Sie selbst?
"Sicher packe ich selbst mit an! Meine Bücher; meine Papiere; meine Klamotten. Viele
habe ich auch schon weggeschmissen, entrümpelt. Und beim Einzug ins neue Büro werde ich
genauso mit anpacken schließlich muß ich wissen, wo die ganzen Sachen sind.
"
Typische Frage: Empfinden Sie Wehmut in den letzten Tagen Bonn?
"Ein bißchen Wehmut ist auf jeden Fall dabei. Hier habe ich doch sehr viele
Menschen kennengelernt, es war eine schöne und wichtige Zeit. Für mich persönlich neun
Jahre, für die Bundesrepublik ganze 50! Außerdem haben wir hier einen wunderschönen
Plenarsaal, und der Blick auf den Rhein ist fantastisch. Leider können wir beides nicht
mit nach Berlin nehmen."
Sie kennen sich ja in Berlin richtig gut aus, wohnen im Kneipenviertel
Prenzlauer Berg. Haben Sie einen Geheimtip für Ihre Kollegen?
"Ich will doch hier keine Werbung für eine bestimmte Kneipe machen, dafür bin
ich doch nicht hier. Aber genau dort, wo ich wohne am Kollwitzplatz ist es
besonders schön. Auch der jüdische Friedhof von Berlin ist ein toller Ort der
Geschichte. Dort liegt immerhin Max Liebermann begraben; und ein berühmter jüdischer
Opernkomponist ebenfalls."
Spielen Sie dann ab und zu mal den Berlin-Reiseführer?
"Klar, daß kommt auch vor. Einige Prominente nehme ich gerne mal mit
und zeige ihnen
die schönsten Stätten Berlins,
erkläre ihnen, was sie ohne Führer nicht sehen würden."
Oft ist gestern in den Reden von der rheinischen Gelassenheit
gesprochen worden, die man mit nach Berlin nehmen sollte. Kann das überhaupt in dieser
Millionenstadt klappen?
"Wir müssen in Berlin an den Bonner Stil anknüpfen. Das habe ich auch in meinen
Reden gestern immer betont: An einen gut bürgerlichen Stil im besten Sinne des
Wortes. Ich sage immer: Ohne Pathos, ohne Protz, ohne Promp! Wenn wir in Berlin etwas zu
protzig werden, müssen wir uns an die Bonner Zeit erinnern. Wir dürfen keinen neuen
Wilhelminismus in Berlin starten da soll Bonn mit der rheinischen Gelassenheit als
Mahnung und Grundsatz stehen."