geistreiche /
kontroverse Ereignisse bei der Festveranstaltung
Verpissen
für Touristen
von Florian Neuhann
Zu gern
würde sie es als Zeichen von oben interpretieren, zu gern würde sie aus dem Wasser
sozusagen "rhetorisches" Weihwasser machen. Bärbel Dieckmann, Bonns
Oberbürgermeisterin, müht sich redlich, wie man normalerweise sagt. Müht sich, die
Mienen zu erheitern: Berlin werde neue Hauptstadt, und "der Himmel weint." Dabei
bleibt es auch an diesem Tag das, was es schon immer war: Alltag Regen.
Kinderspiele, Politikerwitze. Zum ersten Mal versammeln sich die Oberhäupter aller
bundesdeutschen Verfassungsorgane auf der Bonner Rathaustreppe; doch der Anlaß, er ist
für die meisten Zuschauer ein trauriger. Ein Abschied, und zwar ein endgültiger.
Tröstet es da, wenn der bekennende Bonner Johannes Rau meint, die Stadt sei aus der
Depression heraus?
Die Frau mit den roten Haaren hat ihr Fahrrad wohl etwas unglücklich geparkt. Schon ewig
steht es da, doch gerade jetzt, wo sie es braucht da bekommt sie es nicht mehr aus der
Menge heraus. Direkt neben der Absperrung, hinter den Blumenkübeln: "Scheiße",
flucht sie. "Wie komme ich jetzt hier raus?"
Deutschlands
Politikergarde verabschiedet sich von Bonn. Ausgerechnet ihr "Erster" hat es
sich aber mit den Bonnern verscherzt durch Äußerungen wie "Ich werde Bonn nicht
vermissen." Ein Plakat verkündet frech: "Kanzler, die Bonn nicht vermissen,
dürfen sich gerne ver..."
Auf genau dem Blumenkübel, der der Radfahrerin den Ausweg
versperrt, hat sich ein dicker Bärtiger breitgemacht. Die Trillerpfeife versteckt er im
Mundwinkel wie andere ihre echte Pfeife. Doch obwohl sie so winzig sind, der Bärtige kann
einen Höllenlärm mit ihr machen. Wen er auspfeift? "Schröder, diesen Bonzen!"
Das Fahrrad, ein Hollandrad mit gemütlichem Damensitz und drei Gängen: Es parkt nur
wenige Meter von den Mercedes-Schlitten der Regierungsoberen. Hier Mensch, da Politiker:
Größer könnten die Unterschiede nicht sein.
Seine Halsader schwillt an, der Schweiß hat unter den Achseln
des Pfeifern eine kleine Lache verursacht. Rheinische Gelassenheit: Redner aller Couleur
preisen sie an, huldigen ihr, verbeugen sich vor dieser Eigenart. Hier ist davon wenig zu
spüren.
Trost. Regen. "Das ist doch nicht machbar", grummelt die patente Vierzigerin zu
ihrem Mann. Rau war es, der wohlmeinend gefordert hatte, "die rheinische Gelassenheit
mit nach Berlin zu nehmen." Ihr Mann nickt zustimmend, auch die Umgebung pflichtet
ihr bei. Berlin? Die neue Hauptstadt ist fern. "Haben die überhaupt so schöne
Plätze wie hier?" fragt jemand in der Menge.
Abschied: Auch eine Touristenattraktion. Aus
Schwäbisch-Hall kommt eine eigener Reisebus, um der Feier beizuwohnen. Einmal die
Politiker reden hören, und nach ein paar Stunden treten sie die Reise wieder nach Hause
an.
Wieder ist es Dieckmann, die eine Geste des Bundestags und seines Präsidenten
Wolfgang Thierse zu retten versucht. Der hatte der Stadt und ihren Bürgern nämlich eine
Komposition vermacht zeitgenössische Musik von York Höller, für die meisten eine
Musik, die nicht ihrer Welt entspringt. "Auch Beethoven hat man zu seiner Zeit nicht
verstanden", sagt Dieckmann. Die Bamberger Symphoniker spielten musikalisch
sicherlich ein erstklassiger Genuß. Für die Bonner aber von wenig Interesse: Da
unterhielt sich das Studentenpaar über eine neue ZDF-Serie. Und die WDR-Bigband baut
nebenbei nicht gerade lautlos auf der Nebenbühne auf.
Die Regenwolken verziehen sich; die Bonner gehen auch,
Stück für Stück. Genau wie die Politiker. Doch genau das beklagen sie: "Die kurzen
Wege von Bonn werden wir vermissen." Ob die Bonner auch die Politiker vermissen
werden? Der Schmerz ist verwunden. Ob es Trug ist oder Realität: Es scheint, daß einige
der Zuschauer aus der ersten Reihe bei der Zeremonie auf dem Marktplatz gerührt mit den
Tränen kämpfen. |