über
"schöngeistige" Feierlichkeiten
und sonstige Randkulturen
"Tragende Worte und traurige Bonner"
- Lesungen von Texten zur Republik auf dem Bonner Marktplatz.
Und doch: Trauer.
"Wo Gysi
seinen Kaffee schlürft... und Schröder seine Suppe löffelt": Das
Bundestagsrestaurant - Ort politischer Schicksalentscheidungen
"14 Tonnen Abfall Papier pro Tag"
- Was neben Gesetzen sonst noch anfällt im Polit-Alltag
"Auf der Suche nach Kultur"
- harter Aufbau am Tag der offenen Tür
Tragende
Worte und traurige Bonner
von Sabine Halbach
Im Gegensatz zu den eher durchschnittlichen
Dankesreden der Floskelreiter Schröder, Thierse und Co. sattelte die SPD-Frau Karin
Hempel-Soost um und brachte ein Stückchen feierliche Stimmung in den regengrauen
Abschiedstag. Mit gekonnten Seitenhieben Richtung Kanzler, der sich Wochen zuvor
glücklich über den baldigen Abschied aus Bonn gepriesen hatte, entlockte sie den ohnehin
vom Wetter geplagten Gästen ein Lächeln: "Der Kanzler ist entwicklungsfähig, das
finde ich an Männern toll!" So kommentierte sie den Entschuldigungsversuch seines
verbalen Ausrutschers, in dem er korrigierte, er werde nicht die Straßen und Plätze
Bonns, wohl aber seine Einwohner vermissen.
Im November 1997 hatte Schröder im Tagesspiegel
verkündet, er habe sich "in Bonn nie so richtig wohl gefühlt". Was zuviel ist,
ist zuviel, dachte sich das Rheinische Völkchen und spendete der Genossin Hempel-Soost
genau den Beifall, der zuvor auf den Kanzler in Form von Pfiffen und Buhrufen
niedergegangen war.
Das Programm der Kabarettistin Hempel-Soost erwies
sich als gelungener Rückblick über 50 Jahre Bundesrepublik, der nachdenklich stimmte.
Hier wurde der Feierlichkeit des Tages endlich gebührend Rechnung getragen. In kurzen,
aber einprägenden Worten erinnerten hochkarätige Redner wie Ralph Giordano und Hildegard
Hamm-Brücher an bewegende Augenblicke der deutschen Geschichte. So zitierte der
Schriftsteller Giordano aus der Rede des Bundespräsidenten Weizäckers aus dem Jahre 1985
an den 8. Mai, den er als "Tag der Befreiung von der Gewalt der
Nationalsozialisten" beschrieb und den man in seiner Bedeutung nicht vom 30. Januar
1933 trennen dürfe. Er rief den Zuhörern auch die Angst der deutschen Bevölkerung vor
der Willkür des Feindes in Erinnerung, die Ungewißheit der Zukunft, aber letzten Endes
auch die Hoffnung, die dieser Tag schürte.
Spontanen und ehrlichen Applaus erhielt der
Kultusminister Michael Naumann, als er einen alten Artikel des Grundgesetztes zitierte:
"Politisch Verfolgt genießen in Deutschland Asylrecht."
Mit der bewegenden "Kinderhymne" von Brecht
schloß Karin Hempel-Soost das zwanzigminütige Programm und entließ die Einwohner Bonns
mit dem Gefühl, zwar nicht mehr Regierungssitz, aber eine kleine Stadt am Rhein zu sein,
die die ganz große Bundesgeschichte geschrieben hat.
Wo Gysi seinen Kaffee schlürft...
und Schröder seine Suppe löffelt
von Sabine Halbach
Das ehemalige
Bundestagsrestaurant ist einer der wenigen Orte, wo die Abgeordneten noch ganz unter sich
sind. Haben auch die Kellner ein bißchen Abschiedsstimmung unter ihren prominenten
Gästen bemerkt? "Natürlich", bestätigt ein Angestellter, "man merkte in
den letzten Tagen schon, daß alle ein bißchen lockerer wurden, selbst die, die sich
sonst eher förmlich geben." Wehmut macht sich aber nicht nur bei den Abgeordneten
breit: "Ich werde meinen Job hier auf jeden Fall vermissen", erklärt ein
Kellner, "die besondere Atmosphäre hier...allerdings habe ich mich als
Dienstleistender immer jeder politischen Bemerkung enthalten. Die Abgeordneten sind oft so
im Streß, daß die Essenspausen im Restaurant die einzig ruhigen Minuten am Tag
sind."
Ex-Kanzler Kohl den Saumagen servieren - Welcher Ober kommt schon in diesen Genuß? Ein
Mitarbeiter des Restaurants sagt dazu:"Wenn man den Leuten erzählt, daß man Kellner
ist, sind die Reaktionen meist nicht überschwenglich, aber wenn der Bundestag ins Spiel
kommt, klingt das alles schon viel aufregender!"
14
Tonnen Abfallpapier pro Tag
von Sabine Halbach
Umzug nach Berlin - das bedeutet
für die meisten Abgeordneten nicht mehr als Koffer packen (zu lassen), für den
Plenarassistenten Olaf Schumann hingegen heißt dies vor allem: Aufräumen! Als
Angestellter des Deutschen Bundestages entrümpelt er in den letzten Tagen am Rhein die
Bonner Archive: "14 Tonnen pro Tag sind keine Seltenheit", erzählt er, "im
Keller lagern ja auch Akten von anno dazumal."
Die Abfallberge des Bundestages häuften sich auch in Regierungszeiten schon auf 7 -8
Tonnen Papier am Feierabend, weil die Archive in den letzten Jahren auf Magnetbänder
umgerüstet worden sind. "Seit Mai ist es eigentlich richtig stressig", erklärt
Olaf Schumann, "aber meinen Job muß ich die nächsten 20 bis 25 Jahre wohl noch
durchhalten!"
Der gebürtige Berliner reiste bisher alle drei Monate "gezwungenermaßen" nach
Bonn, hat das rheinische Städtchen aber inzwischen liebgewonnen: "Ich kann gar nicht
verstehen, warum die alle hier weg wollen." Die Abgeordneten trifft er, wenn er im
Vermittlungsdienst eingesetzt ist, dann bringt er Faxe in den Plenarsaal und hat für die
Abgeordneten auch nur gute Worte übrig: "Die meisten sind immer freundlich, aber
leider kenne ich noch nicht jeden mit Namen!"
Auf
der Suche nach der Kultur
Morgens halb 11 im Deutschen (Ex-) Bundestag
von Dominik Kugler und Arne
Willée
"Sie suchen Kultur?- Da sind sie
hier aber ganz sicher falsch", wie uns ein Pförtner glaubhaft versicherte. Und
irgendwie fanden wir nichts, was diese Meinung wiederlegt hätte. Die Bühnen zwischen
emsiger Betriebsamkeit und gähnender Leere, die Passanten ahnungslos. "Kultur finden
Sie auf der Museumsmeile, in der Innenstadt oder der Rheinaue". Kein Wort vom
Verabschiedungsfest im und um den Bundestag. Auch die WDR-Reporterin, die uns ansprach,
betonte auf ihre Unwissenheit und verwies uns in andere Gefilde der Bonner Kultur.
Doch dann, kurz vor der Resignation, ein Hoffnungsschimmer am kulturellen
Horizont: "Hier auf der Bühne finden sie nachher hoffentlich ein Stück
Kultur". Und wir warten
...genug gewartet:
13 Uhr, vor dem Bundestag. Eine Menschenmenge drängt sich vor
der Bühne Görrestraße , auf der Bundestagspräsident Thierse und Bundesratspräsident
Koch ihre Eröffnungsrede halten. Darin bringen beide ihre Dankbarkeit der Stadt Bonn und
ihren Bürgern gegenüber für die 50jährige Gastfreundschaft zum Ausdruck. Bonn habe
Maßstäbe als Bundeshauptstadt gesetzt, an denen sich Berlin messen lassen müsse. Bonn
werde ein nationaler sowie auch ein internationaler Mittelpunkt bleiben und dürfe mit
großem Selbstvertrauen in die Zukunft blicken. Als Zeichen dieses Selbstbewußtseins wie
auch des Dankes an die Bürger Bonns solle dieses Fest stattfinden.
Danach beginnt das große Gewimmel: Während Pan die Besucherinnen bezaubert
und Münchhausen das Foyer mit seiner Muse beglückt, versorgt die Beatles- Revival- Band
"A Hard Day´s Night" die gesamte Görrestraße mit gelungenen Interpretationen
der erfolgreichsten Songs der "Pilzköpfe". Unter diesem Einfluss steigt der
Lebesmittelkonsum in unvorstellbare Höhen, läuft jedoch dank enormer Vorräte seitens
der Anbieter reibungslos ab. So kann man sich wohlgesättigt an den regungslos die Treppe
hinuntersteigenden deutschen Farben erfreuen oder sich über die Kulturbanausen des
"Radio Bonn-Rhein-Sieg" ärgern, die sich allergrößte Mühe geben, den
Musikgenuss durch eigene Lautsprecher zu stören.
Desweiteren vergnügt Stimmenimitator Dirk Fischer die recht zahlreich
vorhandenen Zuschauer mit Parodien auf bekannte Politiker und andere Prominente wie Helmut
Kohl, Karl Lagerfeld und Heinz Rühmann, während die sich Anhänger der etwas
gepflegteren Unterhaltung im Foyer des Bundestages mit Strauß- Klängen des WDR-
Orchesters oder der Karrikaturensammlung "50 Jahre Bundespräsidenten in der
politischen Karrikatur" beschäftigen.
Alles in allem bietet die Görrestraße inklusive des Foyers
abwechslungsreiche Unterhaltung, wobei besonders die Esskultur nicht zu kurz kommt.
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